Bettina Schuler
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Goethe.de, taz, Spex


Erschienen auf Goethe.de, April 2013
Mit Stift und Schaber gegen rechte Parolen

Seit 27 Jahren entfernt Irmela Mensah-Schramm fremdenfeindliche Embleme und Parolen. Und fordert andere dazu auf, es ihr nachzutun.

Politputze. So nennt sich Irmela Mensah-Schramm gerne selbst. Denn die 67-jährige hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Straßen von rechten Hass-Parolen zu säubern. Das Handwerkzeug für diesen Zweck hat die kinderlose Rentnerin, die in zweiter Ehe mit einem Afrikaner verheiratet ist, immer in einem kleine Jutebeutel parat: eine Flasche Nagellackentferner, um rechte Schmierereien von Bussen, Mülleimern oder Briefkästen zu entfernen, einen Ceranfeldschaber für hartnäckige Aufkleber oder Plakate und einen Stift zum Übermalen falls beide Gerätschaften ihren Zweck nicht erfüllen. Die fremdenfeindlichen Parolen einfach stehen zu lassen, das ist für die pensionierte Heilpädagogin, die an einer Schule für Menschen mit geistigen Behinderungen tätig war, keine Option. Das zeigt nicht nur ihr jahrelanges Engagement gegen Rechts, sondern auch die Eindringlichkeit mit der sie von ihren Aktionen berichtet und die Wut, die man spürt, wenn die grauhaarige Frau mit dem Bubikopf von der Ignoranz vieler Menschen erzählt.

Angefangen hat alles vor 27 Jahren mit einem kleinen Aufkleber in Berlin-Wannsee, auf dem zur Freilassung des NS-Kriegsverbrechers Rudolf Hess aufgerufen wurde und den Irmela Mensah-Schramm auf dem Weg zur Arbeit an einer Bushaltestelle direkt gegenüber ihrer Wohnung entdeckte. Als sie abends nach Hause kam klebte er noch immer dort. Woraufhin Mensah-Schramm ihn kurzerhand mit ihrem Schlüsselbund entfernte. Eine erste Aktion, auf die zahlreiche weitere folgten. Deutschlandweit.

Dass sie dabei mitunter auch gegen das Gesetz verstößt und Sachbeschädigung begeht, weiß Irmela Mensah-Schramm ganz genau. Doch sie macht weiter. Ganz egal, was ihr irgendwelche Polizisten sagen oder verbieten. "Denn wenn nicht ich, wer soll es sonst machen?"

Für diese Entschlossenheit wurde Irmela Mensah-Schramm bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz, was sie jedoch postwendend zurückgab nachdem sie erfuhr, dass Heinz Eckhoff, der im Zweiten Weltkrieg in der Waffen-SS war und später über die NPD-Liste in den Kreistag von Stade kam ebenfalls damit geehrt wurde. Kein großer Verlust für die Kämpferin, denn um Ehrungen oder Preise geht es Mensah-Schramm ohnehin nicht. "Die persönliche Anerkennung von Menschen, für die ich mich einsetze, ist mir tausendmal mehr wert als so ein Blechding." Harsche Worte. Doch Irmela Mensah-Schramm nimmt kein Blatt vor den Mund. Schon gar nicht, wenn es um ihre Sache geht. Selbst dann nicht, wenn es gefährlich wird. So wurde sie vor einigen Jahren, als sie ein Hakenkreuz von einem Straßenpoller in Cottbus entfernte von einem Neo-Nazi aufgefordert ihre Säuberungsaktion einzustellen. Was die couragierte Rentnerin natürlich erst recht dazu anspornte weiterzumachen. "Daraufhin schrie mich der junge Mann an, ich soll das Hakenkreuz gefälligst dran lassen", berichtet die Mensah-Schramm, "nur leider war es da schon weg geputzt." Man kann ihrem schelmischen Blick ansehen, wie sehr sie sich noch immer darüber freut. Selbst als der junge Neo-Nazi wutentbrannt auf sie zukam, ergriff Irmela Mensah-Schramm nicht die Flucht, sondern ging ruhigen Schrittes, lächelnd auf ihn zu. Zu viel Courage für den jungen Mann, der überfordert von der ungewohnten Reaktion eiligst weg rannte. "Natürlich haben mir danach die Knie gezittert. Aber ich kann eben nicht anders."

Um noch mehr Menschen für dieses Thema zu sensibilisieren dokumentiert sie seit 1988 die rechten Schmierereien mit ihrem Fotoapparat. Zu sehen sind diese in ihrer Wanderausstellung "Hass vernichtet", die erst kürzlich in Dahme-Spreewald zu Gast war. "Viele Menschen schreiben mir, dass sie nach dem Besuch der Ausstellung auf ihrem Nachhauseweg plötzlich Dinge entdecken, die sie zuvor nie gesehen haben." So wie ein Student aus Kassel, der nach dem Besuch der Ausstellung ein Hakenkreuz im Bus entdeckte und übermalte. Mit Zustimmung des Busfahrers, wie Irmela-Mensah-Schramm betont. Sie weiß, dass sie mit ihrem Handeln nicht immer auf Verständnis stößt. Ein Schädel-Hirn-Trauma, dass sie sich Anfang der 90er Jahre bei einer Säuberungsaktion durch den Stoß eines Wachmannes der Berliner Verkehrsbetriebe zuzog ist nur ein Beispiel dafür. Doch solche Widerstände scheinen Irmela Mensah-Schramm nur noch mehr zu bestärken. Und so hat sie kürzlich ihre Meinung über den Rechtsextremismus in Deutschland in dem dokumentarischen Theaterstück "Mit Tötungsdelikten ist zu rechnen" im Hans Otto Theater Potsdam kundgetan.

Auch wenn ihr Anerkennung und Ehrungen eigentlich nicht wichtig sind, dass niemand aus dem Berliner Senat sich bereit erklärt hat, die Laudatio auf sie zu halten, als ihr 2005 vom Presseclub Dresden der Erich-Kästner-Preis verliehen wurde, das hat Irmela Mensah-Schramm doch getroffen. Wenn auch nicht gewundert.

"Denn ganz gleich, welche Farbe der Berliner Senat hat, mit meinem Projekt möchte er nichts zu tun haben, weil ich meinen Finger in eine offene Wunde halte". Doch Irmela Mensah-Schramm wird weiter gegen den Rechtsextremismus kämpfen. Bis es alle verstanden haben.


Bettina Schuler, Jahrgang 1975 lebt und arbeitet als freie Journalistin in Berlin. Ihre Themenschwerpunkte sind Film, Fernsehen, Emanzipation und Zeitgeschehen.

Links zum Thema
www.hassvernichtet.de
www.frieden-erleben.de
www.foerderkreis.hansottotheater.de
www.buendnis-toleranz.de

Wer die Ausstellung "Hass vernichtet" in seinen Räumlichkeiten zeigen möchte, kann sich auf www.hassvernichtet.de über die Konditionen informieren. Die Workshops zum Thema Fremdenfeindlichkeit, die Frau Mensah-Schramm auf Anfrage in Schulen, Jugendclubs und ähnlichen Institutionen veranstaltet, sind kostenfrei.




Erschienen in taz, 09.01.2006
This is Michael


PRO7 ist weniger mutig als es scheint und verbannt die Gay-Serie "queer as folk" mitten in die Nacht (23.45 Uhr)

Eigentlich müsste "queer as folk" zur selben Zeit wie "O.C. California" laufen oder besser noch, nach "Desperate Housewives". Denn die neueste Serienerrungenschaft von PRO7 erfüllt alles, was sich ein eingesessener Serienjunkie von einer Hochglanzserie wünschen kann: Unerfüllte Liebe und Intrigen, Sex in bestdesignten Settings und ein Haufen schöner Menschen obendrauf. Gäbe es da nicht diesen kleinen Unterschied, dass im Mittelpunkt des Geschehens nicht etwa eine Clique gut aussehender Frauen, sondern der recht hagere Michael und seine feierfreudigen Freunde stehen. Die nicht, wie man das von einer ordentliche Serie aus den USA erwarten würde, die Frau des Nachbarn, die Kellnerin an der Ecke oder die Sekretärin ihres Chefs, sondern ihr eigenes Geschlecht begehren. Und diese Leidenschaft auch ordentlich ausleben. Zu mutig wohl für den gewöhnlichen PRO7-Zuschauer, deshalb läuft die Serie jetzt auch immer montags um kurz vor Mitternacht.

Dabei gehören Homosexuelle mittlerweile ebenso zum festen Cast jeder ordentlichen Serie wie die böse Geliebte und betrogene Ehefrau. Kein Zuschauer ist mehr verwundert, wenn sich in Serien wie "O.C. California" der Vater des Sunnyboys Luke nach Jahren zu seiner Männerliebe bekennt. Oder wenn Samantha, der Sexmaniac aus "Sex and the City" sich plötzlich beginnt für Frauen zu interessieren. Was nicht nur an der zunehmenden Akzeptanz von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, sondern auch am zunehmenden Verschwinden von geschlechterspezifischen Zuschreibungen liegt. Denn die Probleme, die in einer vermeintlichen Gay-Serie wie "queer as folk" oder dem lesbischen Pendant "The L Word" angesprochen werden, betreffen ebenso ein heterosexuelles Publikum: Wie angele ich mir den richtigen Partner für's Leben, wie bekomme ich Job- und Privatleben unter einen Hut? Wie gehe ich mit meiner HIV-Infektion um und wem kann ich es bedenkenlos erzählen? Was tun, wenn mein Partner bei mir einziehen will: bleiben oder fliehen?

Ausgerechnet die amerikanischen Produzenten scheinen diese Entwicklung vor ihren deutschen Kollegen erkannt zu haben. Wenn wundert's, denn immerhin wurde dort bereits in den 80ern im "Denver Clan" ein Homosexueller als Randfigur im Cast etabliert: Steven, der Sohn des graumelierten Öl-Titanen Blake Carrington, der mit allen Kräften versucht, die Liebe und Anerkennung seines Vater zu erlangen. Dafür heiratet er auch die windige Nichte der ewig guten Krystle, gespielt von der nicht altern wollenden Heather Locklear. Auch in der weniger mutigen Konkurrenzserie "Dallas" wurde dieses Thema am Rande gestreift: So verliebte sich Lucy, das Küken des Familienclans Ewing, in den homosexuellen Kit Mainwaring. Der ihr, nachdem bereits von Heirat die Rede war, endlich seine Vorliebe für Männer gestand. Im deutschen Fernsehen wurde diese Folge damals nicht ausgestrahlt.
Doch auch wenn schwul-lesbische Charaktere sowohl im deutschen als auch in amerikanischen Fernsehserien keine Seltenheit mehr sind, man denke nur an das wunderschöne Liebespaar Willow und Tara aus "Buffy the Vampire Slayer" oder den schwulen Kommissar aus "SK Kölsch", ihre eigene Hochglanzserie haben sie erst seit "queer as folk". Wo man dem treuen Michael dabei zu sehen darf, wie er ständig für seinen besten und extrem gut aussehenden Freund Brian in die Bresche springt. Der, obwohl er sich mittlerweile sogar um den Sohn seiner besten Freundin Lindsay kümmern sollte, für dessen Entstehung immerhin seine Spermien herhalten mussten, jede Nacht einen andern Hunk mit ins Bettchen nimmt. Bis er an den 17järhigen Schüler Justin gerät, der sich in den ersten Liebhaber seines Leben unsterblich verliebt und ihn nicht mehr in Ruhe lässt. Was wiederum Michael überhaupt nicht gerne sieht, weil er Brian im Grunde seines Herzen über alles liebt. Neben diesen Liebesproblemen werden in "queer as folk" auch klassische homosexuelle Konflikte wie Outing und soziale Ausgrenzung thematisiert. Eine Mischung, die das amerikanische Publikum zu mögen scheint, immerhin wurden fünf Staffeln der Serie produziert. Beim britischen Vorbild hingegen waren es nur zwei. Auch einer der Gründe, warum PRO7 sich für die weniger raue amerikanische Version entschied.

Doch scheint PRO7 weder an seinen eigenen Serieneinkauf noch an die Aufgeschlossenheit des Publikums ernsthaft zu glauben, ansonsten hätte der Sender "queer as folk" wohl kaum zu dieser nachtschlafenden Zeit platziert. Die Serie "The L Word" hingegen, die ebenfalls im Verlaufe dieses Jahres auf PRO7 anlaufen soll, wird sicher ein wenig früher ausgestrahlt werden, denn immerhin dreht sich hier alles um die unglaublich attraktive Museumsleiterin Bett Porter und ihre Clique lesbischer Frauen. Und dass sich heterosexuelle Männer für geilen Lesben-Sex auch neben ihre Freundin aufs Sofa setzen, daran können selbst die Programmplaner von PRO7 nicht ernsthaft zweifeln. Nackte Männerhintern aber bitte nur spät in der Nacht.



Erschienen in Spex 274/2004
Die heilige Familie

In der Familie Camden hat jeder seinen Platz: Eric, passionierter Pfarrer und selbsternannter Lebensretter, bringt jeden Monat brav das Geld nach Hause. Annie, seine Frau, sorgt sich um das Wohl der Kinder. Die drei Mädchen und vier Jungen halten sich meist vorbildlich an die Regeln ihrer Eltern, da sie ansonsten umgehend mit Hausarrest bestraft werden. Sie alle sind Protagonisten der Serie »7th Heaven«, produziert von Serienmogul Aaron Spelling, der bereits Klassiker wie »Charlie's Angels« und »Dynasty« ins Fernsehen brachte. Und wie in all seinen Serien werden auch in »7th Heaven« Moralvorstellung (re-)präsentiert, die sich stark an religiösen Werten orientieren: Achte deine Eltern, lüge nicht. Und vor allem: no sex until marriage. Diese Prinzipien bleuen die Camdens ihren Kindern ein. Die Kids, denen eigentlich nichts anderes übrigbleibt als den ganzen Tag zu telefonieren, fügen sich dieser Lebensweise, ohne sie zu hinterfragen. Eltern, die zwischen »gut« und »böse« unterscheiden und die Biografie ihrer Kinder vorzeichnen, werden bei Spelling als moralische Instanz und natürliche Autorität charakterisiert, der es bedingungslos zu folgen gilt. Wer nicht pariert, wird bestraft. So war es bereits in dem von ihm produzierten 90er-Jahre-Teenage-Klassiker »Beverly Hills 90210«. Entsprechend ihrer Folgsamkeit werden die Camden-Kids auf einer guten-Kind-Skala eingeteilt und bei Übertretung der elterlichen Regel zurückgestuft: durch Liebesentzug oder wie bei Mary durch den Verweis aus dem elterlichen Haus. Sie wird nach Buffalo geschickt zu den Großeltern, um als rehabilitierte Tochter reumütig zurück zukehren.

Ganz anders verläuft die Erziehung hingegen bei den »Gilmore Girls«, produziert von Amy Sherman-Palladino. Sie gehört ebenso wie Amy Brenneman zu einer neuen Generation von jungen Produzentinnen, die, geboren in den 60ern, sich nicht mehr mit dem Abbilden der heilen heiligen Familie begnügen, sondern die veränderten Familienkonstellationen in ihre Serien miteinbeziehen. Im Mittelpunkt stehen Frauen der »thirtysomething«-Generation, die sich sehr früh von ihren Eltern emanzipieren, um ihren eigenen beruflichen Traum zu leben, den sie trotz Kind nicht bereit sind aufzugeben. Lorelai Gilmore versucht mit ihrer quirligen Kollegin Sookie das Hotel »Dragonfly Inn« aufzubauen. Ihr filmisches Pendant Amy Gray aus der US-Serie »Judging Amy«, in der die Produzentin Brenneman selbst die Hauptrolle spielt, ist bezeichnenderweise Familienrichterin.

Männer treten in dieser Mutter-Tochter-Konstellation nur am Rande auf, als Brüder oder väterliche Ratgeber, die den Schnee vor der Tür wegschippen. Beide, Lorelai und Amy, stehen einer festen Bindung eher skeptisch gegenüber und empfinden allein die Vorstellung einengend. Die Rolle als karrierebewusster Einzelgänger – sonst dem Mann zugesprochen – wird hier von den Frauen übernommen, die nach dem zweiten Date befürchten, der Mann könnte eine feste Bindung eingehen wollen. Ganz anders wiederum als im Kreise der Familie Camden, wo sich bereits bei der ersten Verabredung die Frage stellt, ob das jetzt der Mann oder die Frau fürs Leben sein könnte. Die Gründung einer Familie ist bei Camdens das höchste Lebensziel. Rory, Lorelais zauberhafte Tochter, hat dagegen nur einen Wunsch: nach Harvard zu gehen. Die berufliche Selbstverwirklichung, die ihre Mutter sich gegenüber ihren snobistischen Eltern hart erkämpfen musste, ist für sie bereits zur Selbstverständlichkeit geworden und wichtiger als das Festhalten an dem alten Familienkonzept von Mutter-Vater-Kind. Sowohl ihre Mutter als auch ihre Großmutter sind für sie keine Feindbilder mehr, gegen die es sich zu wehren gilt, sondern familiäre Ratgeber, von denen sie die ein oder andere Verhaltensweise übernimmt. Durch die Berufstätigkeit ihrer Mutter hat sie gelernt zu improvisieren, sich schnell auf neue Situationen einzustellen und aus den ihr dargebotenen Prinzipien ihre eigene Moral zu entwickeln. Die häufig weitaus konservativer ist als die ihrer flippigen Mutter Lorelai, die aus einer totalen Verweigerungshaltung heraus nicht bereit ist auch nur irgendeinen elterlichen Ratschlag anzunehmen. Die Camden Kinder hingegen gehorchen ihren Eltern aufs Wort. Sie sind zu Norm dressiert worden, um in der Gesellschaft reibungslos zu funktionieren. Das der elterliche Lebensstil für sie nicht der richtige sein könnte, kommt außer Mary keinem in den Sinn. Disziplin und Gehorsam werden hier somit als Tugenden charakterisiert, die zwangsläufig zu einem glücklichen Leben führen.

Doch kann diese überhöhte Harmonie und Einigkeit beim Zuschauer auch ein unglaubliches Potential an Aggressivität loslösen. Und den Wunsch, genau das zu tun, was die Camdens ihren Kindern so strikt verbieten. Bei »Gilmore Girls« und »Judging Amy« ist diese subversive Lesart der Serie nicht möglich, da die Eltern und Großeltern nicht als eindimensionale Vorbilder gezeichnet werden. Ihre Biografien weisen Brüche auf, die bei den Camdens einer moralischen Katastrophe gleichkommen würden: Lorelai ist mit sechzehn schwanger geworden und Amy hat sich von dem Vater ihres Kindes scheiden lassen. Rory und Amys Tochter wachsen somit in einer Umgebung auf, in der Brüche zum alltäglichen Leben gehören. Doch anstelle wie ihrer Mutter aus dem konservativen Regelwerk auszubrechen, lebt Rory ebenso vorbildlich wie die Pfarrerstochter Lucy Camden. Somit hat Lorelai mit ihrer Erziehung unbeabsichtigt das gleiche erreicht wie die Camdens mit ihren strikten Regeln und Strafen. Obwohl Rory die Möglichkeit für einen anderen Lebensweg offen stand, ist sie ebenso zielstrebig und fleißig wie ihre neokonservativen Kommilitonen. Und lebt genau das Leben nach, das ihre Großeltern sich immer für Lorelai erträumt haben, diese jedoch strikt ablehnte.

Der Konflikt, der sich zwischen dem eigenen Lebensweg und dem der Kinder auftun kann, steht in beiden Serien im Mittelpunkt des Geschehens. Doch im Gegensatz zu den Camdens, die einen anderen Weg als den ihren völlig ablehnen, hat Lorelai aus ihren eigenen Erfahrungen gelernt und lässt ihre Tochter gewähren. Der feine Unterschied zwischen den Serien von Sherman-Palladino und Aaron Spelling.

"7th Heaven" ("Eine himmlische Familie"), montags bis freitags um 15.05 Uhr auf VOX. Direkt im Anschluss um 16.05 läuft die neue Staffel von "Judging Amy" ("Für alle Fälle Amy"), ebenfalls auf VOX.



Erschienen in Spex 266/2003

Kino im Nationalsozialismus

»Erst die Bilder zeigen, wie es wirklich war«. Das zumindest behauptet der allseits bekannte Medienhistoriker Guido Knopp in einem Interview mit dem Tagesspiegel Anfang diesen Jahres. Eine gewohnt einfältige Aussage für den selbsternannten NS-Experten. Nicht zuletzt durch das Kino wurde im Nationalsozialismus eine emotionale Bindung zwischen dem fernen Diktator Hitler und seinen Anhängern geschaffen, die selbst den Parteianhängern im entlegensten Winkel des Landes eine Zugehörigkeit und Teilnahme an den nationalsozialistischen Aktivitäten zusicherte. Dass Propagandainszenierungen, wie der Reichsparteitag in Nürnberg, genauestens geplant und organisiert waren, ist bekannt. Umso fragwürdiger also, dass viele Dokumentationen sich dieser Bilder bedienen, um ein vermeintlich objektives Bild vom Nationalsozialismus zu zeichnen.

»Das Bild im konkreten Sinne, das wir uns vom Dritten Reich machen, ist das von diesem Regime selbst erzeugte Bild«, stellt Bernd Kleinhans in seinem neuesten Buch »Ein Volk, ein Reich, ein Kino« richtig fest. Kleinhans weiter: »Illustriert wird immer mit Wochenschaubildern, Filmausschnitten aus Parteitagsfilmen und Propagandafilmen. (...) In den meisten Fernsehdokumentationen über die NS-Zeit wird noch nicht einmal erklärt, dass die auf den Zuschauer authentisch wirkenden Bilder tatsächlich Propagandabilder sind«. Und nicht nur das: Die meisten Dokumentationen versäumen auch jene Bilder zu zeigen, die sich einer viel unterschwelligeren Propaganda bedienen als die klassischen ›Vorzeigefilme‹ wie »Triumph des Willens« (Leni Riefenstahl 1933/34). Konkret: Kein Film, der im Dritten Reich entstand, konnte dem nationalsozialistischen Einfluss entgehen. Alle Filmschaffenden unterstanden dem staatlich kontrollierten und zensierten Filmwesen der Reichskulturkammer und ab 1934 konnte durch das so genannte Lichtspielgesetz jeder Film, der »das nationalsozialistische, religiöse, sittliche oder künstlerische Empfinden« verletzte, verboten werden. Auch ›harmlose‹ Komödien. Eine genaue Kategorisierung von politischen versus unpolitischen Filmen ist daher schwer zu treffen und kann nicht lediglich an der Verwendung von offensichtlicher, nationalsozialistischer Symbolik festgemacht werden. Ein Beispiel: In der Komödie »Schabernack« (E.W. Emo/1936) wird ein Hotel-Sanatorium fälschlicherweise für eine psychiatrische Klinik gehalten. Als ein Journalist droht, den ökonomisch inszenierten Schwindel auffliegen zu lassen, wird er kurzerhand in die hoteleigene Dusche eingesperrt. Der Hoteldiener, gespielt von Hans Moser, entrollt einen Feuerwehrschlauch und richtet ihn mit folgenden Worten auf den eingesperrten Journalisten: »Den haben wir kaltgestellt, isoliert. Wer nicht pariert, kommt unter die Dusche«. Hört man diesen Satz, läuft es einem kalt den Rücken herunter. Damals jedoch wussten sicher die wenigsten Zuschauer, worüber sie lachten. Noch weniger welche Propaganda in ihm enthalten war.

Doch scheinen solche Beispiele, derer man weitere findet, keinen TV-Sender davon abzuhalten weiterhin zur besten Sendezeit die ›heiteren‹ Komödien aus den ›alten Zeiten‹ unkommentiert auszustrahlen. Und auch die meisten Fernsehdokumentationen sehen sich nicht bemüht, diese Bilder themengerecht aufzuarbeiten. Besteht dabei nicht die Gefahr, dass »angesichts der zahllosen Filme aus der ›guten alten Ufa-Zeit‹ im nachmittäglichen Fernsehprogramm die Zeit des Dritten Reiches mindestens partiell als gar nicht so schlimm [erscheint]?«

Kleinhans Buch korrigiert diesen fatalen Eindruck. Im Gegensatz zu den meisten Büchern, die sich mit der Filmpropaganda des Dritten Reiches beschäftigen, macht Kleinhans den realen Propagandawert der nationalsozialistischen Filme nicht nur an ihrer Anlehnung an vorherrschende Klischees und Vorurteile der NS Ideologie fest, sondern an der faktischen Distribution und Rezeption. Dabei widmet er sich insbesondere der Erschließung und Gleichschaltung der Provinzkinos, in deren Einzugsbereich ein weitaus größerer Teil der Bevölkerung erreicht wurde als in den städtischen Kinos. Fehlende Konkurrenz und ein mangelndes Kulturangebot machten es den Nationalsozialisten dort viel einfacher als in den Städten, filmischen Einfluss auf die Bevölkerung zu nehmen. Akribisch wertet der Autor verschiedenste Quellen aus und kommt zu dem Ergebnis, dass »erkennbar politische Filme (...) nur zu einem geringen Teil zum Massenerfolg im Dritten Reich« beitrugen. Nationale Mobilisierung und Heroisierung wurden weniger durch extrem antisemitische Filme wie »SA Mann Brand« (Frank Seitz/1933) als durch scheinbar harmlose Unterhaltungsfilme wie »Quax der Bruchpilot« (Kurt Hoffmann/1941) erreicht, der ausgerechnet dann in die Kinos kam, als die deutsche Armee dringend Fliegernachschub für den Russlandfeldzug benötigte. Kleinhans nennt in diesem Zusammenhang noch ein weitaus populäreres Beispiel: »Die Feuerzangenbowle« (Helmut Weiss/1944). Ein Film, in dem nicht lediglich die ›lustigen Streiche‹ Heinz Rühmanns im Mittelpunkt stehen, sondern den Zuschauern die vage Hoffnung gegeben werden sollte, dass auch sie ihre durch den Krieg verlorene Jugend nachholen können. Vorher jedoch hieß es: Durchhalten!

Doch das scheint heute nicht mehr von Interesse: Heinz Rühmann galt bis zu seinem Tod als gefeierter Star und auch seine Filme werden weiterhin zur besten Sendezeit ausgestrahlt. Als
›heiter‹ und ›familienfreundlich‹ werden sie von Programmzeitschriften beschrieben. Dass der Hauptprotagonist dieser Filme für Goebbels Geburtstag einen Film mit dessen Kindern drehte und selbst als Kurierflieger in einer Wochenschau auftrat bleibt dabei ausgespart.

Es bleibt abzuwarten, ob Fernsehdokumentationen, die sich mit der nationalsozialistischen Massenbeeinflussung auseinander setzten, auch diese Aspekte demnächst tiefer in ihre Arbeit einfließen lassen. Vorerst müssen wir wohl mit jenen Bildern Vorlieb nehmen, die nun endlich zeigen »wie es wirklich war«!

Das Buch »Ein Volk, ein Reich, ein Kino – Lichtspiele in der braunen Provinz« (EUR 14,95) von Bernd Kleinhans ist im PapyRossa Verlag erschienen. Der Autor ist u.a. als Autor bei ›Shoa.de‹ tätig.

Witte, Karsten: Filmkomödie im Faschismus, Frankfurt am Main 1986.

Hoffmann, Hilmar: »Und die Fahne führt uns in die Ewigkeit«, Propaganda im NS-Film, Frankfurt am Main 1988.

www.shoa.de