Bettina Schuler
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Missy Magazine



Erschienen in Missy Magazine 03/2009
Aelrun Goette


In ihrem neuen Film "Keine Angst" erzählt die Regisseurin von der widrigen Liebe einer 13Jährigen, die in Armut aufwächst. Warum ihre Zuschauer und Zuschauerinnen mitleiden sollen, erzählt sie hier.

Bevor ich zum Film gekommen bin, habe ich in Berlin Philosophie studiert. Irgendwie scheint das ein beliebter Weg zur Regie zu sein. Ich habe mal in einer Runde mit sechs Regisseuren und Regisseurinnen gesessen, die alle Philosophie studiert hatten. Es scheint also gar nicht so ungewöhnlich, dass man, wenn man sich Gedanken über das Leben macht, beim Film landet.

In meinen Filmen beschäftige ich mich immer wieder mit den Abgründen der Menschen. Ich finde es spannend, herauszufinden was menschlich ist und dazu gehören auch die Tabus einer Gesellschaft. Da zieht es mich irgendwie hin. Warum das so ist? Keine Ahnung. Aber es heißt ja: Nicht der Künstler sucht sich das Thema, sondern das Thema sucht sich den Künstler.

Ich habe zum Beispiel meinen ersten Dokumentarfilm nach dem Studium über eine junge Mutter gedreht, die ihre kleinen Kinder 14 Tage alleine lässt bis sie verdursten. "Die Kinder sind tot" (2003) erzählt nicht nur die persönliche Tragödie dieser Mutter, sondern stellt auch die Frage: Wie kann es sein, dass heute, mitten unter uns, Kinder verdursten, Nachbarn und Freunde es beobachten, und niemand etwas dagegen unternimmt? Der Film stellt Fragen nach den Werten unserer Zeit.

Film ist das beste Medium, um an die Menschen heranzukommen. Weil man über eine Geschichte und über die Emotion ein Fenster im Herzen der Zuschauer und Zuschauerinnen öffnen kann. So geht es in meinen neuen Film "Keine Angst" um die Kraft von Kindern und die Überforderung der Erwachsenen. Es ist die Liebesgeschichte zwischen der dreizehnjährigen Becky, die mit ihrer alkoholabhängigen Mutter und ihren Geschwistern in einer ärmlichen Hochaussiedlung lebt und dem schüchternen Bente, der in gut behüteten Familienverhältnissen aufwächst. Beckys Mutter ist ein Beispiel für die Welt der Armut in Deutschland, in der die Frauen nun mal häufig mit den Kindern allein gelassen werden.

"Keine Angst" ist eine Mischung aus Dokumentarfilm und Märchen, in dem Becky entgegen ihrer widrigen sozialen Verhältnisse versucht, mit ihrem Leben klar zu kommen und ein Stück vom Glück zu erhaschen. Ich habe in dem Drehbuch die Chance gesehen, den Zuschauer und Zuschauerinnen die Welt der Armut hier in Deutschland sinnlich nahe zu bringen, weil sie mit den Figuren mitleiden können und dadurch ein Gefühl dafür bekommen, wie es sich konkret anfühlt, arm zu sein. Das fordert mich immer wieder heraus: eine Welt von innen heraus zu erzählen.

Auch wenn ich mich in meinen Filmen den sozialen Missständen innerhalb der Gesellschaft widme, glaube ich nicht, dass ich mit ihnen die Welt verändern kann. Nach der Filmhochschule habe ich anders darüber gedacht. Damals war ich davon angetrieben, mit meinen Filmen etwas zu verändern. Heute stellt sich für mich die Frage, welche emotionale Motivation am Anfang eines Filmes steht. Was ist es, das mich dazu treibt, diese irrsinnige Energie aufzubringen, einen Film zu machen? Bei mir ist es nicht der Impuls, auf etwas hinzuweisen, sondern eher der Versuch, mit meinem Film etwas Elementares über das Leben zu erzählen.

Ich mache Filme, die man nicht einfach schaut und hinterher vergisst, sondern die die Zuschauer und Zuschauerinnen bewegen. So tief wie es ein Film eben kann. Und wenn die Zuschauer und Zuschauerinnen am Ende etwas mit dem daraus gewonnen Wissen und Gefühl machen und vielleicht eine neue, eine andere Perspektive einnehmen, dann ist das toll. Aber Film kann die Gesellschaft nicht verändern. Welcher deutsche Film in den letzten Jahren hat schon etwas verändert?

Was mich dazu treibt, Filme zu machen, ist vielmehr ein Schmerz. Dinge, von denen ich das Gefühl habe, dass sie in unserer Welt unrund laufen. Mein Zugang ist ein leidenschaftlicher: Es berührt mich, es treibt mich, es lässt mich verzweifeln und dann kann ich mich in den Film hineinschmeißen und alles geben, um dem Thema zu dienen. So hat mir die Arbeit an meinem neuen Film "Keine Angst" die Chance gegeben, wieder in die Welt der Kinder einzutauchen. Sie aus meiner heutigen Perspektive als Erwachsene an mich heran zu lassen und damit neu zu verstehen. Mich noch einmal daran zu erinnern, was das für eine wahnsinnig fragile und leidenschaftliche Zeit ist. Die enge Zusammenarbeit mit meinen jugendlichen Darstellern und Darstellerinnen hat mir geholfen, ihren Blick auf die Welt zu verstehen. Das war das Geschenk dieser Arbeit und das sind auch die Momente und Gefühle, die ich aus dieser Arbeit mitnehme.

Denn um etwas zu verstehen, muss man es ganzheitlich fassen. Nicht nur mit dem Kopf. Der Verstand ist mein Handwerk, aber nicht der Kern. Film ist für mich an allererster Stelle Gefühl.

Aelrun Goette ist Dokumentar- und Spielfilmregisseurin und inzwischen auch Drehbuchautorin. Zuvor arbeitete sie u.a. als Krankenschwester in der Psychiatrie, als Model und ehrenamtlich als Vollzugsbetreuerin in einem Frauengefängnis. Nach der Wende holte sie ihr Abitur nach und studierte Philosophie, später Regie an der Filmhochschule Babelsberg. In ihren Filmen beschäftigt sich Goette vor allem mit Menschen, die mit ihrer physischen und psychischen Überforderung allein gelassen werden. Ihr neuer Film "Keine Angst" feierte auf dem diesjährigen Filmfest München Premiere und wird am 16. September um 20h15 auf der ARD ausgestrahlt.


Erschienen in Missy Magazine 01/2009
Auf Krawall frisiert


Punk, Pop, Elektroclash oder Musical: Die Berliner Künstlerin Krawalla lässt sich von nichts und niemanden in eine Schublade einsortieren!

Hilfe! Hilfe! Das rosa Einhorn wird von einer Bande böser Jungs bedroht! Das Ziel ihres Begehrens: sein goldener Schuh, der ihnen noch als letzter Stein für ihre schwarz-rot-goldene Burg fehlt. Doch Rettung naht, denn die Waldfee hat das Krawallmädchen und ihren Freund, den knuffeligen Bären, alarmiert, die immer zu Stelle sind, wenn fabelhafte Wesen oder außerirdische Badetouristen von einer Horde fantasieloser Machtliebhaber dieser Erde bedroht werden.

Sind wir da etwa geradewegs in einer Antifa-Drogenversion von My-Little-Pony gelandet? Keineswegs! Der Urheber dieses märchenhaften Geschehens ist kein Spielzeugkonzern aus den USA, sondern die Berliner Musikerin Krawalla, die seit 2003 unter dem Namen Räuberhöhle mit ihrer musikalischen Elektroclash-Puppenshow durch die Lande zieht. Immer mit dabei: ein Puppentheater für das Krawallmädchen und ihren kleinen Freund, das den ZuschauerInnen erklärt, wie das so geht, mit dem Popstar werden. Mit ihren großen dunklen Augen, dem glitzernden Powerstirnband und dem gold-rosafarbenen Dress meint man, das Krawallmädchen sei just aus einem Manga entsprungen. Dabei ist die Puppe nur die Miniaturausgabe der Sängerin, die in ebendiesem selbst geschneiderten Kostüm zu Discopop-Spielekonsolen-Klängen auf der Bühne eine sehr eigene Show zwischen Trash, Punk und Pop abliefert.

Angefangen hat alles vor neun Jahren, als die ehemalige Hardcore-Sängerin Krawalla begann, mit billigen Synthesizer und Computern herumzuexperimentieren. Die "ganz fürchterlichen C 64-Sounds und Samples von Spielen", die sie dabei zusammenmischte, ließ sie später auf selbst organisierten Konzerten und Partys als Hintergrundmusik laufen. "Ich hätte nie gedacht, dass sich das irgendeiner anhören möchte," so die 35-Jährige heute. "Gerade zu Anfang hat es viele Leute genervt."
Ein Desinteresse, von dem heute nur noch wenig zu spüren ist. Vier Mal tourte sie bereits mit Räuberhöhle durch Australien, spielte in Japan und den USA und war als Vorgruppe im Programm von Robocop Kraus zu sehen. Zu dem trashigen Synthesizer von einst ist mittlerweile ein ganzes Arsenal an Geräten hinzu gestoßen und Ende März soll nun auch ihre neue CD erscheinen. Sie erscheint, wie alle bisherigen Alben, auf Krawallas eigenem Label Megapeng und klingt viel weniger überdreht und melodiöser als das bisherige Material.

Techno, Indie, Hardcore: Auf ihrer neuen, fünften CD begnügt sich Krawalla nicht mehr mit ihrem gewohnten Elektrosound, sondern experimentiert mit verschiedenen Genres. So episch und eingängig wie in ihrem Song "I Stay" klang Räuberhöhle noch nie, The Breeders lassen grüßen. Doch auch der üblichen Räuberhöhlen Sound, laut, schrill und verstörend, ist natürlich vertreten. Besonders sticht das Duett "Deep in the Forest" mit dem Robocop Kraus Sänger Thomas Lang hervor, das klingt, als sei es einem Wintermärchen der Gebrüder Grimm entsprungen. Es vermittelt einen ersten Eindruck von dem Musical, an dem Krawalla seit längerem schreibt. Dieses Mal für "echte Menschen" und nicht schon wieder für das Krawallmädchen, weil sie keine Lust mehr hat, sich anhören zu müssen, dass alles was sie mache nur niedlich sei. Gerade Frauen würden ihr häufig vorwerfen, dass sie mit ihrem kleinmädchenhaften Outfit nur die Jungs anmachen wolle und selten reflektieren, dass diese Niedlichkeit eine bewusste Entscheidung von ihr ist. Obwohl sie dafür nur einen Blick auf ihre tätowierten Arme werfen müssten, die im krassen Gegensatz zu ihrem pinkfarbenen Bühnendress stehen und ein Verweis auf ihr Spiel mit der Niedlichkeit sind. "Einerseits verlangen alle, dass Frauen auf die Bühnen sollen. Doch wenn du das dann machst, wird nur geschaut, ob du die richtigen politischen Parolen schreist und ob du dich richtig anziehst." Ein Zwang, dem Krawalla sich entzieht und stattdessen lieber ihre Leidenschaft für mangaartige Kätzchen auf der Bühne und bei sich zu Hause auslebt.
Hello Kitty und Emanzipation, das ist für die Sängerin definitiv kein Widerspruch. Denn hinter der Niedlichkeit des Krawallmädchens verbirgt sich eine klare politische Botschaft gegen Rassismus und patriotische Parolen in der Popmusik. So wie in der Geschichte vom Krawallmädchen und dem Einhorn, die die Künstlerin anlässlich des aufkommenden deutschtümelnden HipHop schrieb, und in dem sie sich explizit gegen jedwedes patriotische Gebaren ausspricht. "Ich bin nicht stolz darauf, auf dieser Scholle geboren zu sein, warum auch?", so Krawalla, die sich damit vehement von anderen Berliner Elektropopbands wie MIA abgrenzt. Sie könne sich nichts Schlimmeres vorstellen als einen Schlussstrich hinter die deutsche Geschichte zu ziehen. "Für mich sind Nationen nur Konstrukte, ich möchte, dass alle Menschen auf der Welt dahingehen können, wo sie wollen", so die Sängerin, die schon seit langem von einem Leben in der Ferne träumt. Doch erstmal muss noch das Musical geschrieben werden, ein Stop-Motion-Film steht auch noch auf der Liste, aber dann, wenn ihre drei altersschwachen Katzen endlich in der ewigen Räuberhöhle ruhen, dann kommt vielleicht Australien.

Räuberhöhle: "Deep In The Forest"